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Klausurtaktik Jura: Entscheidungen unter Zeitdruck treffen

Hand schreibt mit Kugelschreiber handschriftlich auf kariertem Papier, einzelne Zeilen sind durchgestrichen

Zwei Bearbeiter, dieselbe Klausur, dieselben vier Stunden. Der eine schreibt sechzehn Seiten zum ersten Anspruch und bricht mitten im zweiten ab. Der andere schreibt zehn Seiten, beantwortet aber jede Fallfrage. Der zweite bekommt fast immer die bessere Note. Klausurtaktik ist die Summe der Entscheidungen, die du während der Bearbeitung triffst, wenn Zeit und Wissen nicht für alles reichen. Was prüfst du ausführlich? Was stellst du in einem Satz fest? Wo legst du dich fest, und wo kürzt du?

Die Ausbildungsliteratur veranschlagt dafür ein bis zwei Notenpunkte. Zusätzliche Lernstunden kosten sie dich nicht.

Auf einen Blick:

  • Vollständigkeit geht vor Detailtiefe. Eine abgebrochene Klausur verliert alle Punkte, die nach dem Abbruch gekommen wären.
  • Denk in Erwartungswerten: Ein Punkt mehr am Schwerpunkt lohnt nicht, wenn du dafür zwei Prüfungspunkte ganz verlierst.
  • Nach BVerfGE 84, 34 darf eine vertretbare, gut begründete Lösung nicht als falsch bewertet werden. Das ist deine Lizenz, dich zu entscheiden statt zu lavieren.
  • Die Korrekturstreuung ist groß (mittlere Spannweite 6,47 Punkte je Klausur). Fläche abdecken schlägt Feilschen um Einzelpunkte.
  • Bei Zeitnot wird in einer festen Reihenfolge gekürzt, nicht nach Gefühl.
  • Taktik ist kein Ersatz für Klausurtechnik. Sie setzt darauf auf.

Tipp

Taktische Entscheidungen trainierst du am Fall. Auf jurahilfe.de bekommst du interaktive Skripten, Karteikarten und Multiple-Choice-Aufgaben in einem durchgehenden Lernpfad: erst verstehen, dann abrufen, dann am kleinen Sachverhalt entscheiden.

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Was Klausurtaktik im Jurastudium bedeutet

Klausurtaktik beschreibt die Entscheidungen unter Knappheit. Begrenzte Zeit, begrenztes Wissen, eine Aufgabe, die für beides zu groß ist. Taktik ist die Frage, wie du diese Knappheit verteilst. Sie beginnt genau dann, wenn dir klar wird: Perfekt geht nicht mehr.

Taktik, Technik und Methodik: drei Ebenen der juristischen Klausur

Drei Ebenen wirken in jeder Klausur zusammen, und sie beantworten verschiedene Fragen. Die juristische Fallbearbeitung ist die Methodik: Wie komme ich vom Sachverhalt über die Anspruchsgrundlage zur Falllösung? Die Klausurtechnik ist das Handwerk: Wie teile ich die Zeit ein, wie erkenne ich den Schwerpunkt, wie baue ich die Reinschrift? Taktik ist die Ebene darüber.

Ein Beispiel macht die Grenze scharf. Dass du die Lösungsskizze mit vollständiger Gliederung in etwa einem Viertel der Bearbeitungszeit baust, ist Technik. Dass du sie nach vierzig Minuten abbrichst, obwohl der dritte Anspruch noch unklar ist, weil dir sonst die Reinschrift wegläuft, ist Taktik. Die Technik gibt dir das Zeitgerüst. Die Taktik entscheidet, was passiert, wenn die Zeit trotzdem nicht reicht.

EbeneLeitfrageBeispiel
MethodikWie komme ich vom Sachverhalt zum Gutachten?Anspruchsgrundlage suchen, auslegen, subsumieren
KlausurtechnikWie teile ich Zeit ein und setze Schwerpunkte?Skizze in rund einem Viertel der Zeit
KlausurtaktikWas opfere ich, wenn es nicht für alles reicht?Skizze unfertig abbrechen, damit die Reinschrift durchläuft
Gestapelte Ebenen: Methodik trägt die Klausurtechnik, die Klausurtechnik trägt die Taktik
Abb. 1: Taktik ist die oberste Ebene. Sie setzt Methodik und Klausurtechnik voraus.

Warum die Ausbildungsliteratur den Begriff Klausurtaktik kaum kennt

„Klausurtaktik“ ist kein feststehender juristischer Fachbegriff. Der bekannteste Beitrag mit diesem Titel stammt von Daniel Schnabl (Anwaltsblatt Karriere 1/2010, 3. Auflage 2019), und selbst dort taucht das Wort nur in der Überschrift auf. Im Fließtext schreibt Schnabl durchgehend von Klausurtechnik. Auch die klassischen Aufsätze zum Thema heißen so (etwa Forster, JuS 1992, 234).

Warum ist das trotzdem kein leeres Wort? Weil die Sache dahinter existiert, auch wenn die Literatur sie unter „Technik“ mitführt. Die Frage „Wie schreibe ich sauber?“ und die Frage „Was opfere ich, wenn die Zeit nicht reicht?“ sind verschiedene Fragen. Dieser Artikel behandelt die zweite. Wenn du in einer Prüfungsordnung oder Klausurbesprechung nach dem Begriff suchst, wirst du ihn nicht finden. Die Entscheidungen, um die es geht, triffst du trotzdem in jeder Klausur.

Wann Taktik in der Klausur überhaupt nötig wird

Taktik ist der Umgang mit Knappheit. Wenn du den Fall zunächst vollständig durchdringst und bequem in der Zeit bleibst, brauchst du sie nicht. Das kommt vor. Meist im Grundstudium. Sobald aber eines von drei Dingen eintritt, beginnt die taktische Ebene: Die Zeit wird knapp, du kennst ein Rechtsproblem nicht sicher, oder der Fall hat mehr Anspruchsgrundlagen, als du sauber abarbeiten kannst. Ab diesem Punkt entscheidet die Klausurbearbeitung selbst über die Note, nicht mehr allein das Gelernte.

Die Bedeutung der Taktik wächst deshalb mit dem Schwierigkeitsgrad. In der Anfängerübung ist der Fall meist beherrschbar. Im Examen ist er es fast nie. Wer bis dahin nie geübt hat, unter Knappheit zu entscheiden, trifft diese Entscheidungen zum ersten Mal unter maximalem Druck.

Das taktische Grundgesetz: erst vollständig, dann ausführlich

Wenn du dir aus diesem Artikel einen einzigen Satz merkst, dann diesen: Beantworte lieber jede Fallfrage mittelmäßig als eine Fallfrage perfekt. Diese Regel ist in der Ausbildungsliteratur unstreitig. Schnabl formuliert sie als „Primärziel: vollständige Arbeit“.

Warum eine unfertige Klausur mehr kostet als eine oberflächliche

Die Rechnung ist einfach. Ein Prüfungspunkt, den du knapp aber richtig abhandelst, bringt einen Teil der dafür vorgesehenen Punkte. Ein Punkt, den du gar nicht erreichst, bringt null. Und weil du am Ende der Klausur abbrichst und nicht in der Mitte, trifft der Abbruch immer die hinteren Prüfungspunkte, nie die vorderen.

Dazu kommt der Eindruck beim Korrektor: An einer abgebrochenen Klausur sieht er sofort, dass du die Aufgabe nicht im Griff hattest. Bei einer knapp durchgeschriebenen Arbeit sieht er, dass du den Fall überblickt hast. Der Aufbau ist selbst eine bewertete Leistung, und ein vollständiger Aufbau ist nur an einer vollständigen Klausur erkennbar.

Studierende schreiben an Einzeltischen eine Klausur handschriftlich, vorne ein aufgeschlagenes Gesetzbuch

Der Erwartungswert: was ein Punktesprung wirklich wert ist

Schnabl beschreibt die taktische Logik für das Zweite Staatsexamen an einem Beispiel. Der Sprung von zwölf auf dreizehn Punkte rechtfertigt nicht das Risiko, auf drei Punkte zurückzufallen. Übersetzt: Bewerte jede Entscheidung danach, was sie im Durchschnitt einbringt, und nicht danach, was im besten Fall herauskäme.

Konkret in der Klausur: Du stehst vor einem Streitstand, den du nur halb erinnerst. Option A ist, zwanzig Minuten zu investieren und ihn vielleicht sauber darzustellen. Option B ist, in fünf Minuten die herrschende Meinung mit einem Argument zu benennen, dich zu entscheiden und weiterzuschreiben. Option A gewinnt im besten Fall zwei Punkte an dieser Stelle. Sie kostet aber fünfzehn Minuten, die am Ende der Klausur fehlen, und dort hängen oft mehr Punkte. Ich empfehle in dieser Lage fast immer B.

Balkendiagramm: möglicher Gewinn von einem Notenpunkt gegen ein mögliches Risiko von neun Punkten
Abb. 2: Der mögliche Verlust ist neunmal größer als der mögliche Gewinn.

Diese Rechnung gilt nicht überall gleich. Beim erkennbaren Schwerpunkt der Klausur, also dort, wo der Ersteller seine Probleme versteckt hat, lohnt die Investition sehr wohl, weil dort die meisten Bewertungseinheiten liegen. Woran du den Schwerpunkt erkennst? Der Sachverhalt verrät es.

Was der Bearbeitervermerk über die Punkteverteilung verrät

Der Bearbeitervermerk verteilt die Punkte, bevor du eine Zeile geschrieben hast. Steht dort „Auf die Frage der Stellvertretung ist besonders einzugehen“, dann liegt dort ein erheblicher Teil der Bewertungseinheiten. Steht dort „Ansprüche aus Delikt sind nicht zu prüfen“, dann bringt jede Zeile Deliktsrecht exakt null Punkte und kostet Zeit für alles andere.

Taktisch folgt daraus eine simple Handlung: Lies den Vermerk am Anfang, und lies ihn ein zweites Mal, bevor du mit der Reinschrift beginnst. Schnabl setzt für diese Lektüre rund fünf Minuten an. Ausschlüsse geraten meist während der Skizzenarbeit wieder in Vergessenheit.

Tipp

Signalwörter im Bearbeitervermerk zu erkennen ist Übungssache. Die Multiple-Choice-Aufgaben auf jurahilfe.de arbeiten mit hunderten kleinen Sachverhalten, in denen genau solche Anweisungen stecken, jeweils mit ausführlicher Erläuterung zu jeder Antwortoption.

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Wo in der Klausur die Punkte liegen

Taktische Entscheidungen brauchen eine Vorstellung davon, wie Punkte überhaupt vergeben werden. Unterhalb der Notenpunkte arbeiten Korrektoren teilweise mit Bewertungseinheiten, die sie auf die einzelnen Prüfungspunkte verteilen.

Das Modell der 100 Bewertungseinheiten und die weichen Faktoren

Ein offengelegtes Beispiel liefert der Korrekturleitfaden des Unirep der Universität Frankfurt (Stand 13. April 2022). Er empfiehlt, insgesamt 100 Bewertungseinheiten auf die Klausurschwerpunkte zu verteilen, und davon rund 20 bis 25 Einheiten für die weichen Faktoren vorzusehen: Gutachtenstil, Argumentation und Aufbau.

Die Notenstufen selbst sind bundeseinheitlich geregelt, in § 1 JurPrNotSkV: vier bis sechs Punkte sind ausreichend, sieben bis neun befriedigend, zehn bis zwölf vollbefriedigend. Wie viele Bewertungseinheiten zu welcher Stufe führen, legt dagegen jeder Prüfer für sich fest. Für dich heißt das: Der Blick auf die Verteilung lohnt mehr als das Feilschen um einzelne Einheiten.

Der Frankfurter Leitfaden ist ein universitäres Repetitorium und keine bundesweite Vorgabe, und andere Prüfer rechnen anders. Die Größenordnung ist trotzdem lehrreich: Ein Fünftel bis ein Viertel der erreichbaren Punkte hängt an Darstellung und Aufbau, also an Dingen, die mit dem Rechtswissen wenig zu tun haben. Diese Einheiten sammelst du über die ganze Klausur verteilt ein.

Fläche schlägt Tiefe: die Streuung juristischer Korrekturen

Wie groß der Zufallsanteil einer Korrektur ist, hat Hufeld gemessen. Er ließ fünfzehn Examensklausuren von 23 Personen korrigieren, insgesamt 230 Einzelkorrekturen (ZDRW 11 [2024], Heft 1, S. 59 ff.). Ergebnis: Die durchschnittliche Spannweite zwischen der niedrigsten und der höchsten vergebenen Punktzahl lag bei 6,47 Punkten je Klausur. Nur 42 Prozent aller Bewertungen lagen innerhalb von einem Punkt um den Mittelwert. Eine einzige Arbeit wurde zwischen 4 und 14 Punkten bewertet.

Taktisch folgt daraus: Um einen halben Punkt an einer Detailfrage zu kämpfen lohnt sich nicht, weil diese Größenordnung im Rauschen der Korrektur untergeht. Was dagegen nicht im Rauschen untergeht, ist eine ganze fehlende Anspruchsgrundlage oder ein verkannter Schwerpunkt. Deine Zeit gehört den großen Blöcken.

Proportionsleisten zweier Bearbeiter: einer deckt einen Prüfungspunkt voll ab, der andere alle drei zu rund 60 Prozent
Abb. 3: Dieselbe Zeit, zwei Verteilungen. B beantwortet alle drei Prüfungspunkte.

Die richtige Reihenfolge: welche Prüfungspunkte du nie auslässt

Manche Punkte sind taktisch unverzichtbar. Sie bringen viel, oder ihr Fehlen fällt sofort auf. Dazu gehören der Obersatz mit der korrekten Anspruchsgrundlage, das Ergebnis unter jedem geprüften Anspruch und die Beantwortung jeder im Bearbeitervermerk gestellten Fallfrage.

Diese drei kosten dich zusammen wenige Minuten. Ein fehlendes Endergebnis dagegen fällt jedem Korrektor sofort auf, und eine unbeantwortete Fallfrage kostet Punkte, die ohne jeden Mehraufwand zu holen gewesen wären. Merk dir die Reihenfolge: erst jede Frage beantworten, dann jede Antwort begründen, dann jede Begründung vertiefen. In dieser Reihenfolge zu beginnen ist wichtiger als jeder einzelne Feinschliff.

Entscheiden statt offenlassen: der Antwortspielraum als taktische Lizenz

In Streitfragen wird oft zu vorsichtig formuliert: beide Ansichten dargestellt, abgewogen, das Ergebnis in der Schwebe gelassen. Das kostet Punkte, obwohl das Prüfungsrecht die Festlegung ausdrücklich schützt.

Warum eine vertretbare Lösung nicht falsch sein kann

Das Bundesverfassungsgericht hat 1991 entschieden, dass dem Bewertungsspielraum des Prüfers ein Antwortspielraum des Prüflings gegenübersteht (BVerfGE 84, 34, Beschluss vom 17. April 1991, 1 BvR 419/81 und 1 BvR 213/83). Wo die Richtigkeit einer Lösung wegen der Eigenart der Prüfungsfrage nicht eindeutig bestimmbar ist, darf eine vertretbare und gut begründete Antwort nicht als falsch bewertet werden.

Für die Klausur heißt das: Deine Entscheidung im Streitstand kann dir niemand als Fehler anrechnen, solange sie vertretbar ist und du sie begründest. Riskant ist deshalb vor allem das Offenlassen: Ein fehlendes Ergebnis kann dir niemand als vertretbare Lösung zugutehalten.

Die richtige Entscheidung bei Streitständen

Praktisch gehst du so vor. Benenne den Streit in einem Satz. Nenne die herrschende Meinung mit ihrem tragenden Argument. Nenne die Gegenansicht mit einem Argument. Entscheide dich, mit einem Satz Begründung. Fertig. Vier bis sechs Sätze.

Welche Ansicht du wählst, ist taktisch fast gleichgültig, solange du begründest. Wenn du unsicher bist, wähle die herrschende Meinung: Sie ist die sicherere Bank, weil der Korrektor sie im Erwartungshorizont stehen hat. Nur wenn dein Sachverhalt erkennbar auf die Gegenansicht zugeschnitten ist (Klausurersteller bauen das gern ein), entscheide dagegen und sag warum.

Entscheidungsbaum: ändert der Streit das Ergebnis, wird entschieden, sonst kann er dahinstehen
Abb. 4: Eine Frage entscheidet, ob der Streitstand ausgebreitet wird.

Übrigens: Ein Streit, der am Ergebnis nichts ändert, gehört gar nicht ausgebreitet. Ein Satz reicht („Der Streit kann dahinstehen, weil beide Ansichten hier zum selben Ergebnis führen“). Wo diese Grenze verläuft und wie du beide Stile formulierst, steht ausführlich im Artikel zum Gutachtenstil.

Wenn du die Norm nicht kennst: mit dem Wortlaut arbeiten

Du hast den Gesetzestext dabei, und die meisten schöpfen ihn nicht aus. Eine Norm, die du zum ersten Mal siehst, lässt sich vollständig bearbeiten: Wortlaut lesen, in Tatbestandsmerkmale zerlegen, Merkmal für Merkmal subsumieren. Die Merkmale stehen im Text.

Auch Profis schlagen nach Jahren noch nach. Was du dagegen vermeiden solltest, ist das Festbeißen. Fünf Minuten für einen einzigen Prüfungspunkt kosten dich mehr, als eine unsaubere Lösung dort je kosten würde. Setz eine Randnotiz, schreib weiter, komm zurück, wenn Zeit übrig ist. Meistens ist keine übrig, und meistens war es nicht der Schwerpunkt.

Ein Finger zeigt auf eine Textstelle in einem aufgeschlagenen Buch

Tipp

Sicherheit im Streitstand entsteht beim Wiederholen, lange vor der Klausur. Die Karteikarten auf jurahilfe.de legen dir im intelligenten Wiederholungssystem genau die Fragen wieder vor, bei denen du unsicher warst.

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Taktik unter Zeitdruck: die Reihenfolge der Kürzungen

In fast jeder anspruchsvollen Klausur kommt der Moment. Das geht sich nicht aus. Was dann passiert, entscheidet über ein bis zwei Notenpunkte. Wer improvisiert, kürzt an der falschen Stelle.

Die Zeiteinteilung als taktische Reserve

Ein Zeitgerüst dient dir vor allem als Frühwarnsystem. Sein taktischer Nutzen liegt darin, dass du ein Problem schon bei der Hälfte bemerkst und noch reagieren kannst. Setz dir zwei feste Kontrollpunkte: einen, wenn die Lösungsskizze stehen soll, und einen bei zwei Dritteln der Bearbeitungszeit.

Am zweiten Kontrollpunkt stellst du eine einzige Frage: Habe ich zwei Drittel des Stoffs geschrieben? Wenn nein, wird ab sofort gekürzt, und zwar nach Plan. Wichtig ist dabei, sofort zu beginnen. Wer damit wartet, bis nur noch eine halbe Stunde bleibt, hat die Wahl schon verloren. Wie du das Zeitgerüst überhaupt aufbaust und an dein Schreibtempo anpasst, steht im Artikel zur Klausurtechnik und Zeiteinteilung.

Was zuerst gekürzt wird und was nie

Gekürzt wird von unten nach oben. Zuerst die Begründungstiefe bei unproblematischen Punkten, dann die Streitstandsdarstellung, dann die Ausführlichkeit am Schwerpunkt. Ganze Prüfungspunkte auf Obersatz und Ergebnis einzudampfen kommt erst ganz zum Schluss.

Nie gekürzt werden dagegen vier Dinge: der Obersatz mit der Anspruchsgrundlage, das Ergebnis, die Beantwortung der Fallfrage und ein vom Bearbeitervermerk ausdrücklich verlangtes Hilfsgutachten. Das Hilfsgutachten darf in Zeitnot deutlich knapper ausfallen, entfallen darf es nicht, weil es Teil der Aufgabe ist.

Für die knappe Feststellung ist der Urteilsstil das Werkzeug: Ergebnis zuerst, Begründung in einem Halbsatz. Er spart dir bei jedem unproblematischen Punkt drei bis vier Sätze, über eine ganze Klausur summiert sich das auf mehrere Seiten.

RangWird gekürztBleibt immer
1Begründungstiefe bei unproblematischen PunktenObersatz mit Anspruchsgrundlage
2Darstellung der StreitständeErgebnis unter jedem Anspruch
3Ausführlichkeit am SchwerpunktAntwort auf jede Fallfrage
4ganze Punkte auf Obersatz und Ergebnisverlangtes Hilfsgutachten, knapp

Die letzten zwanzig Minuten der Klausur

Zwanzig Minuten vor Abgabe gilt nur noch eine Regel: Vollständigkeit vor allem anderen. Schreib zu jedem offenen Anspruch mindestens Obersatz und Ergebnis, im Zweifel in Stichworten. Ein benanntes und im Ergebnis richtig entschiedenes Problem bringt Teilpunkte. Ein gar nicht erwähntes bringt null.

Hand schreibt zügig handschriftlichen Fließtext auf ein dicht beschriebenes Klausurblatt, daneben fertige Seiten

Streich in dieser Phase nichts durch, was schon steht (auch Falsches bringt selten Abzug, aber Durchgestrichenes bringt sicher nichts). Schreib keine Entschuldigung an den Korrektor. Und fang keinen neuen Gedanken an, den du nicht zu Ende bringst.

Die Lösungsskizze als taktisches Werkzeug

Die meisten taktischen Entscheidungen fallen schon in der Skizze, lange vor dem ersten ausformulierten Satz. Wer sie nur als Gedächtnisstütze benutzt, verschenkt ihren eigentlichen Zweck.

In der Skizze fällt die Entscheidung über die Gewichte

Markier in deiner Gliederung mit, wie viel Raum jeder Punkt bekommen soll. Ein Ausrufezeichen an den Schwerpunkt, ein Kürzel wie „U“ an alles, was in den Urteilsstil geht, ein Fragezeichen an das, was du notfalls streichst. Danach übersetzt die Reinschrift nur noch, und du triffst keine einzige Gewichtungsentscheidung mehr unter Schreibdruck.

Ein zweiter Kniff spart viel Zeit: Notier die Obersätze der Schwerpunkt-Prüfung schon in der Skizze. Sie fressen in der Reinschrift die meiste Formulierungszeit, und wer den Obersatz stehen hat, verliert beim Schreiben nicht den Faden. Was sonst in eine gute Lösungsskizze gehört und was nicht, steht im eigenen Artikel dazu.

Sachverhaltsangaben, die du ungenutzt liegen lässt

Klausurersteller schreiben selten etwas ohne Grund. Eine auffällig genaue Angabe im Sachverhalt ist eine Arbeitsanweisung: die Uhrzeit des Zugangs, der wörtlich zitierte Satz, der auf den Tag datierte Ablauf. Wer sie im Gutachten nicht verwertet, lässt Punkte liegen, die schon vergeben waren.

Taktisch lohnt sich deshalb eine Minute vor der Reinschrift: Geh die Skizze durch und frag bei jeder auffälligen Sachverhaltsangabe, ob sie irgendwo auftaucht. Findest du eine, die nirgends vorkommt, hast du mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Problem übersehen. Diese Kontrolle kostet dich eine Minute und findet regelmäßig etwas.

Tipp

Wer Sachverhaltsangaben systematisch auswerten will, braucht vor allem viele kleine Fälle. Auf jurahilfe.de kannst du den kompletten BGB AT dauerhaft kostenlos lernen, mit Skripten, Karteikarten und Falltraining in einem Lernpfad.

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Typische taktische Fehler beim Klausuren schreiben

Die folgenden vier Fehler sind keine Wissenslücken. Sie sind Entscheidungen, und deshalb lassen sie sich abstellen, ohne eine Zeile mehr zu lernen.

Perfektionismus am ersten Anspruch

Ein Klassiker. Der erste Anspruch wird mit voller Sorgfalt geprüft. Man hat ja noch Zeit, und das Thema kennt man. Ab dem zweiten wird es enger, ab dem dritten hektisch. Am Ende hat die Klausur erste Seiten auf Prädikatsniveau. Die letzten fehlen.

Die Gegenmaßnahme ist mechanisch: Teil die Reinschriftzeit vor dem ersten Satz durch die Zahl der Prüfungspunkte und schreib dir die Uhrzeiten an den Rand. Bei drei Ansprüchen und 150 Minuten Reinschrift sind das 50 Minuten pro Anspruch. Bist du überzogen, wird gekürzt, auch wenn es wehtut.

Am Schwerpunkt vorbeischreiben

Teuer und schwer zu bemerken. Du prüfst gründlich. Nur an einer Stelle, die der Ersteller gar nicht gemeint hat. Die Geschäftsfähigkeit über eine halbe Seite, während der eigentliche Streit beim Zugang der Willenserklärung liegt.

Erkennbar ist der Schwerpunkt am Detailgrad des Sachverhalts. Wo der Text ungewöhnlich genau wird, wo wörtliche Rede steht, wo ein Datum auf die Uhrzeit genau angegeben ist, liegen die Probleme. Was der Sachverhalt in einem Halbsatz abhandelt („K und V schlossen einen wirksamen Kaufvertrag“), ist keine Einladung zur Prüfung.

Die Klausur als Wissensbeweis missverstehen

Manche Bearbeiter schreiben alles auf, was sie zum Thema wissen, in der Hoffnung, dass etwas davon honoriert wird. Das funktioniert nicht, es kostet doppelt: Die Zeit fehlt am Ende, und der Korrektor liest an den relevanten Stellen weniger. Bewertet wird die Lösung des Falls, nicht der Wissensstand zum Rechtsgebiet.

Der Test dafür ist simpel. Frag dich bei jedem Absatz: Trägt dieser Satz zur Beantwortung der Fallfrage bei? Wenn nein, gehört er nicht in die Klausur, egal wie richtig er ist. Wie Korrektoren im Detail vorgehen und was sie tatsächlich bewerten, steht im Artikel zur Bewertung juristischer Klausuren.

Aus Angst vor dem Fehler nichts entscheiden

Der vierte Fehler ist die Kehrseite des Antwortspielraums von oben. Wer sich nie festlegt, kann formal nichts falsch machen und bekommt trotzdem die schlechtere Note, weil eine juristische Prüfung eine Entscheidung verlangt. Ein „das ist umstritten“ ohne Ergebnis ist im Gutachten eine unfertige Antwort.

Klausurtaktik trainieren, bevor sie zählt

Taktische Entscheidungen unter Druck kann man üben, und das geht schneller als der Aufbau von Stoffwissen. Towfigh, Traxler und Glöckner haben 71.405 Übungsklausuren der Universität Münster ausgewertet (ZDRW 2014, Heft 1, S. 8): Pro geschriebener Klausur verbessert sich ein durchschnittlicher Bearbeiter um rund 0,03 Punkte, also etwa ein halbes Prozent gegenüber der vorherigen Klausur. Für einen ganzen Notenpunkt braucht es danach rund dreißig geschriebene Klausuren.

Taktik üben, ohne eine ganze Klausur zu schreiben

Für den taktischen Teil brauchst du keine vier Stunden. Zwei kurze Übungen reichen. Erste Übung: Nimm einen Sachverhalt und schreib in 30 Minuten nur eine Gliederung, in der jeder Punkt eine Markierung bekommt: ausführlich oder in einem Satz, mit je einer Begründung. Dann vergleich mit der Musterlösung. Zweite Übung: Nimm eine fertige Musterlösung und streich sie auf die Hälfte zusammen, ohne dass eine Fallfrage unbeantwortet bleibt.

Die zweite Übung ist unangenehm. Sie zwingt dich zu derselben Entscheidung wie die Klausur, nur ohne Uhr im Nacken.

Die Auswertung: welche Entscheidung hat dich Punkte gekostet?

Nach der Rückgabe geh die Klausur mit dem Erwartungshorizont durch und sortier jeden Punktverlust in eine von vier Kategorien: Wissen fehlte, Sachverhalt falsch ausgewertet, Zeit gefehlt, oder falsch gewichtet. Die letzten beiden Kategorien sind die taktischen. Häufen sie sich, weißt du, woran du arbeitest.

Führ das über mehrere Klausuren in einer Tabelle. Nach vier oder fünf Einträgen zeigt sich ein Muster. Es sagt dir mehr als jede einzelne Note. Wie du ein vollständiges Probeexamen auswertest, steht im eigenen Artikel dazu.

Tipp

Zeigt dein Protokoll vor allem Wissenslücken, ist die Diagnose eindeutig. Auf jurahilfe.de kannst du dasselbe Thema kompakt oder ausführlich lesen, kompakt zum schnellen Wiederholen vor der Klausur, ausführlich, wenn du es von Grund auf verstehen willst.

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Fazit: mit klarer Taktik erfolgreich durch die Klausur

Klausurtaktik verbessert die Note, ohne dass du dafür mehr lernen musst. Sie verlangt nur, dass du drei Entscheidungen bewusst triffst: erst alles beantworten und dann vertiefen, dich im Streitstand festlegen, und bei Zeitnot nach einem festen Plan kürzen.

Fang bei der nächsten Klausur mit einem einzigen Punkt an. Setz dir den Kontrollpunkt bei zwei Dritteln der Zeit und halt dich daran. Für den Stoff darunter findest du auf jurahilfe.de den kompletten BGB AT dauerhaft kostenlos, mit Skripten, Karteikarten und Multiple-Choice-Aufgaben in einem durchgehenden Lernpfad.

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Häufig gestellte Fragen

Frieder Hammer

Über den Autor

Frieder Hammer

Repetitor, Fachautor und Gründer von Jurahilfe.de

Volljurist, Prädikatsexamen (Schwerpunkt Steuerrecht)

Hat 11 Fachbücher für die juristische Ausbildung geschrieben und ist seit 2017 als Repetitor tätig. Er hat über 400 Jurastudenten im Einzelunterricht erfolgreich auf ihre Prüfungen vorbereitet. Seine juristische und didaktische Expertise ist die DNA der Lernplattform Jurahilfe.de.

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