Wissen

Beschuldigter, Angeschuldigter, Angeklagter & Verurteilter

Polizeibeamtin spricht in einem schlichten Vernehmungsraum mit einem Mann, der mit dem Rücken zur Kamera am Tisch sitzt

Von rund 5,5 Millionen Ermittlungsverfahren, die die deutschen Staatsanwaltschaften im Jahr 2023 abgeschlossen haben, endeten 6 Prozent mit einer Anklage. Die allermeisten Menschen, gegen die der Staat einmal ermittelt hat, sind also nie im Gerichtssaal gelandet. Trotzdem nennt die Zeitung sie am nächsten Tag gerne schon Angeklagte.

Beschuldigter ist der Oberbegriff für die Person, gegen die ein Strafverfahren geführt wird. Wie sie technisch heißt, hängt am Verfahrensabschnitt: Im Ermittlungsverfahren ist sie Beschuldigter, mit Erhebung der öffentlichen Klage wird sie Angeschuldigter, mit dem Beschluss über die Eröffnung des Hauptverfahrens Angeklagter. Das steht so in § 157 StPO.

In der Klausur ist die Bezeichnung keine Vokabelfrage. An der Beschuldigteneigenschaft hängen die Belehrungspflicht, das Schweigerecht und damit die Verwertbarkeit ganzer Vernehmungen. Prüfst du die falsche Rolle, prüfst du die falschen Rechte.

Auf einen Blick:

  • § 157 StPO definiert nur zwei der Begriffe: Angeschuldigter und Angeklagter. Der Beschuldigte selbst ist im Gesetz nirgends definiert.
  • Die Beschuldigteneigenschaft entsteht aus zwei Voraussetzungen: einem materiellen Anfangsverdacht und einem Verfolgungswillen der Behörde, dem sogenannten Inkulpationsakt.
  • Der Verfolgungswille lässt den Behörden einen Beurteilungsspielraum. Seine Grenze ist die Willkür (BGHSt 51, 367).
  • Angeschuldigter wird man auch beim Strafbefehl, weil dessen Antrag nach § 407 Abs. 1 S. 4 StPO die öffentliche Klage erhebt.
  • Angeklagter und Beklagter sind zwei verschiedene Prozesse. Der Beklagte gehört in den Zivilprozess, im Bußgeldverfahren heißt die Person Betroffener.

Tipp

Strafprozessrecht lernt sich schlecht aus Einzelnormen. Auf jurahilfe.de bekommst du interaktive Skripten, Karteikarten und Multiple-Choice-Aufgaben, die den Verfahrensgang und die Rechte der Beteiligten miteinander verknüpfen, statt sie getrennt abzufragen.

Jetzt kostenlos starten

Kamerateam und zwei Journalistinnen berichten auf der Freitreppe eines Gerichtsgebäudes, eine Reporterin im roten Mantel spricht ins Mikrofon
Abb. 1: Gerichtsberichterstattung vor einem Gerichtsgebäude.

Beschuldigter im Strafverfahren: Bezeichnung als Angeschuldigter oder Angeklagter

Das Strafverfahren kennt für dieselbe Person drei technische Namen. Sie wechseln nicht nach Schwere des Vorwurfs und nicht nach Verdachtsgrad, sondern allein danach, wie weit das Verfahren fortgeschritten ist.

§ 157 StPO: die einzige Legaldefinition der drei Rollen

§ 157 StPO ist eine reine Begriffsnorm. Sie sagt, wer ab wann wie heißt, und sonst nichts. Der Wortlaut ist kurz genug, um ihn einmal ganz zu lesen:

§ 157 StPO Bezeichnung als Angeschuldigter oder Angeklagter

„Im Sinne dieses Gesetzes ist Angeschuldigter der Beschuldigte, gegen den die öffentliche Klage erhoben ist, Angeklagter der Beschuldigte oder Angeschuldigte, gegen den die Eröffnung des Hauptverfahrens beschlossen ist.“

Zwei Dinge fallen sofort auf. Erstens definiert die Norm den Beschuldigten nicht, sie setzt ihn voraus. Zweitens bleibt der Angeschuldigte in der Definition des Angeklagten ausdrücklich erhalten: Angeklagter ist „der Beschuldigte oder Angeschuldigte“. Der Gesetzgeber staffelt die Begriffe also, er tauscht sie nicht aus.

Beschuldigter als Oberbegriff des ganzen Strafverfahrens

Beschuldigter ist der Oberbegriff, und er bleibt es über alle Abschnitte hinweg. Der Angeklagte ist immer auch Beschuldigter. Deshalb liest du in der StPO an vielen Stellen weiterhin „der Beschuldigte“, obwohl die Hauptverhandlung längst läuft: § 296 Abs. 1 StPO gibt die Rechtsmittel „sowohl der Staatsanwaltschaft als dem Beschuldigten“, und gemeint ist dort selbstverständlich auch der verurteilte Angeklagte.

Umgekehrt gilt das nicht. Ein Beschuldigter im Ermittlungsverfahren ist kein Angeschuldigter, und ein Angeschuldigter ist noch kein Angeklagter. Die Begriffe nach oben zu verwechseln behauptet in der Klausur einen Verfahrensstand, der noch gar nicht erreicht ist.

Übrigens erklärt das die Ungenauigkeit vieler Meldungen über laufende Ermittlungen. „Der Angeklagte“ in einer Meldung über eine Hausdurchsuchung ist sprachlich falsch, weil zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Anklage existiert.

Vom Verdächtigen zum Verurteilten: die Stationen nach § 157 StPO

Vor dem Beschuldigten steht noch eine Stufe, hinter dem Angeklagten eine weitere. Beide nennt § 157 StPO nicht, beide brauchst du trotzdem. Der Verdächtige ist die Person, gegen die tatsächliche Anhaltspunkte sprechen, ohne dass die Behörde schon gegen sie ermittelt. Der Verurteilte ist der Angeklagte nach einem rechtskräftigen Schuldspruch.

Die vollständige Kette sieht damit so aus:

RolleAbschnittBeginnt mitNorm
Verdächtigervor dem Verfahrentatsächlichen Anhaltspunkten für eine Straftat§ 152 Abs. 2, § 163b StPO
BeschuldigterErmittlungsverfahrenAnfangsverdacht plus Verfolgungswille§§ 160, 163a StPO
AngeschuldigterZwischenverfahrenErhebung der öffentlichen Klage§ 157, §§ 170 Abs. 1, 200 StPO
AngeklagterHauptverfahrenEröffnungsbeschluss des Gerichts§ 157, §§ 203, 207 StPO
Verurteilternach Rechtskraftrechtskräftigem Schuldspruch§ 260 StPO
Flussdiagramm der Rollenkette im Strafverfahren: Verdächtiger, Beschuldigter, Angeschuldigter, Angeklagter, Verurteilter mit den fünf Übergangsereignissen
Abb. 2: Die fünf Stationen der Rolle und das Ereignis, das jeden Namenswechsel auslöst.

Die Tabelle beantwortet auch die Frage, warum die Bezeichnung überhaupt wechselt: Jeder Übergang setzt eine Entscheidung voraus, die jemand anderes trifft. Über den Beschuldigtenstatus entscheidet die Ermittlungsbehörde, über die Anklage die Staatsanwaltschaft, über die Eröffnung das Gericht. Der Name macht sichtbar, wer zuletzt am Zug war.

Wann eine Person Beschuldigter wird: Anfangsverdacht und Inkulpationsakt

Der Beschuldigtenstatus fällt nicht vom Himmel, und er entsteht auch nicht automatisch mit dem Verdacht. Er braucht zwei Voraussetzungen, eine objektive und eine subjektive. In dieser Doppelung liegt der Streit, den Klausuren abfragen.

Anfangsverdacht nach § 152 Abs. 2 StPO: zureichende tatsächliche Anhaltspunkte

Die objektive Seite ist der materielle Anfangsverdacht. § 152 Abs. 2 StPO verlangt „zureichende tatsächliche Anhaltspunkte“ dafür, dass eine verfolgbare Straftat begangen wurde. Anhaltspunkte heißt: konkrete Tatsachen, keine Vermutung und kein Gefühl. Zureichend heißt: Die Anhaltspunkte sind ausreichend, wenn es nach kriminalistischer Erfahrung möglich erscheint, dass die Person die Tat begangen hat.

Das ist die niedrigste Verdachtsstufe der StPO, und sie ist bewusst niedrig. Ein Anfangsverdacht rechtfertigt Ermittlungen, mehr nicht. Wie weit der Verdachtsgrad danach noch steigen muss, hängt an der Maßnahme: Für die Anklage braucht es hinreichenden, für die Untersuchungshaft nach § 112 Abs. 1 StPO dringenden Tatverdacht. Die Abstufung erklärt der Artikel zum Legalitätsprinzip und zum Anfangsverdacht im Detail.

Wichtig ist der zweite Bezugspunkt: Der Anfangsverdacht muss sich auf eine bestimmte Person richten, nicht nur auf eine Tat. Ein Verfahren gegen Unbekannt kennt zwar eine Straftat, aber keinen Beschuldigten.

Balkengrafik der drei Verdachtsgrade: Anfangsverdacht nach § 152 Abs. 2 StPO, hinreichender Tatverdacht nach §§ 170 Abs. 1, 203 StPO, dringender Tatverdacht nach § 112 Abs. 1 StPO
Abb. 3: Die drei Verdachtsgrade der StPO im Größenvergleich.

Verfolgungswille der Staatsanwaltschaft als subjektive Voraussetzung

Zum Verdacht muss der Wille kommen, gegen genau diese Person vorzugehen. Die Literatur nennt ihn Verfolgungswillen oder Inkulpationswillen, den Vorgang selbst Inkulpationsakt. Er muss sich nach außen zeigen, etwa in einer Vernehmung als Beschuldigter, einer Durchsuchung, einer Festnahme oder schlicht im Aktenvermerk.

Ausdrücklich erklärt werden muss er nicht. Der BGH stellt darauf ab, ob sich der Verfolgungswille aus „Ziel, Gestaltung und Begleitumständen“ der Befragung ergibt (BGH, Urteil vom 03.07.2007, 1 StR 3/07, BGHSt 51, 367). Eine konkludente Zuweisung der Beschuldigtenstellung reicht also, wie der BGH später bestätigt hat (Urteil vom 30.12.2014, 2 StR 439/13). Wer als Zeuge geladen wird, dann aber vier Stunden lang zu seinem eigenen Alibi befragt wird, ist der Sache nach längst Beschuldigter.

Die informatorische Befragung zeigt keinen Verfolgungswillen. Sie klärt erst, gegen wen sich ein Verdacht überhaupt richtet, etwa die Frage an alle Mitarbeiter nach einem Diebstahl im Betrieb oder die Frage bei der Verkehrskontrolle, warum es im Auto nach Alkohol riecht. Solange die Ermittler nur sortieren, gibt es noch keinen Beschuldigten und deshalb auch keine Belehrungspflicht.

Beurteilungsspielraum der Ermittler und die Willkürgrenze des BGH

Damit hat es die Polizei ein Stück weit in der Hand, wann jemand in den Genuss der Beschuldigtenrechte kommt. Das ist der wunde Punkt der subjektiven Komponente, und die Rechtsprechung weiß das. Sie gibt den Strafverfolgungsbehörden einen pflichtgemäßen Beurteilungsspielraum, zieht ihm aber eine Grenze: Verdichtet sich der Tatverdacht so stark, dass es willkürlich wäre, die Person weiter als Zeugin zu behandeln, ist der Spielraum aufgebraucht.

Die Leitentscheidung dazu ist BGHSt 51, 367. Bei Tötungsdelikten liegt die Schwelle nach dieser Linie beim konkreten und ernsthaften Tatverdacht. Wird sie überschritten und die Person trotzdem als Zeugin vernommen, ist das eine Umgehung der Beschuldigtenrechte, und die Aussage unterliegt einem Beweisverwertungsverbot.

Ich halte diese Konstruktion für überzeugend, aber nicht für elegant. Sie schiebt die Kontrolle vollständig ins Nachhinein: Ob ein Ermittler willkürlich gehandelt hat, entscheidet Jahre später ein Gericht anhand der Akte, die dieser Ermittler selbst geführt hat. Ließe man die subjektive Komponente weg und stellte allein auf den objektiven Verdacht ab, wäre dieses Problem gelöst. Dafür entstünde ein anderes: Jeder flüchtige Verdacht würde Beschuldigtenrechte auslösen, und die Behörde müsste belehren, bevor sie überhaupt weiß, wen sie belehrt.

Zeuge oder Beschuldigter: warum die Abgrenzung Klausuren entscheidet

Die Rollen unterscheiden sich grundsätzlich. Der Zeuge muss erscheinen, muss aussagen und muss die Wahrheit sagen; er darf lediglich einzelne Fragen nach § 55 StPO unbeantwortet lassen, wenn er sich selbst belasten würde. Der Beschuldigte muss überhaupt nichts sagen und darf sogar lügen, ohne dass ihn das strafbar macht.

Spaltenvergleich Zeuge und Beschuldigter: Erscheinenspflicht, Aussagepflicht, Wahrheitspflicht, Verweigerungsrecht und Belehrung im Gegenüber
Abb. 4: Zeuge und Beschuldigter im Vergleich der Pflichten und Rechte.

Ein Beispiel: Die Polizei befragt nach einem Einbruch alle drei Bewohner des Nachbarhauses. Zwei sind reine Zeugen. Beim dritten findet sich schon im Vorfeld das passende Werkzeug im Keller, die Beamten wissen davon, vernehmen ihn aber weiter als Zeugen. Hier ist der Verdacht so konkret, dass die Zeugenrolle nur noch Etikett ist. Was er in dieser Vernehmung sagt, ist regelmäßig unverwertbar.

Wird eine ursprünglich als Zeuge vernommene Person später Beschuldigter, genügt die einfache Belehrung nicht mehr. Nötig ist die qualifizierte Belehrung, die zusätzlich sagt, dass die frühere Aussage nicht verwertet werden darf (2 StR 439/13). Was daraus für Beweisverwertungsverbote und die Widerspruchslösung folgt, steht im Artikel zum Ermittlungsverfahren nach der StPO; die Einzelfragen der Vernehmung führt die Wissensseite zur Vernehmung des Beschuldigten.

Offener Werkzeugkasten auf einer Werkbank, daneben Schraubendreher, Hammer und Taschenmesser im Licht einer Arbeitsleuchte
Abb. 5: Werkzeugkasten auf einer Werkbank.

Tipp

Genau solche Abgrenzungen entscheiden sich am Sachverhalt, nicht an der Definition. Die Multiple-Choice-Aufgaben auf jurahilfe.de arbeiten mit kleinen Sachverhalten, in denen die falschen Antwortoptionen typische Denkfehler abbilden, hier etwa das Vertrauen auf die Bezeichnung im Protokoll.

Jetzt kostenlos starten

Vom Beschuldigten zum Angeschuldigten: Abschluss des Ermittlungsverfahrens

Irgendwann sind die Ermittlungen fertig, und die Staatsanwaltschaft muss sich entscheiden. Sie hat im Wesentlichen drei Wege: anklagen, einen Strafbefehl beantragen oder einstellen. Nur die ersten beiden machen aus dem Beschuldigten einen Angeschuldigten.

Hinreichender Tatverdacht und Anklage nach §§ 170, 200 StPO

§ 170 Abs. 1 StPO formuliert die Schwelle schlicht: Bieten die Ermittlungen „genügenden Anlaß zur Erhebung der öffentlichen Klage“, erhebt die Staatsanwaltschaft sie durch Einreichung einer Anklageschrift. Dahinter steht der hinreichende Tatverdacht, also die nach Aktenlage überwiegende Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung. Reicht es dafür nicht, muss die Einstellung nach § 170 Abs. 2 StPO erfolgen. Der Beschuldigte erfährt davon in vier Fällen: wenn er als solcher vernommen wurde, wenn ein Haftbefehl gegen ihn bestand, wenn er um einen Bescheid gebeten hat oder wenn ein besonderes Interesse an der Bekanntgabe ersichtlich ist.

Was in die Anklageschrift gehört, regelt § 200 StPO. Und schon dort taucht der neue Name auf: Die Anklageschrift „hat den Angeschuldigten, die Tat, die ihm zur Last gelegt wird, Zeit und Ort ihrer Begehung, die gesetzlichen Merkmale der Straftat und die anzuwendenden Strafvorschriften zu bezeichnen“. Das ist § 157 StPO in Anwendung. Mit dem Eingang der Anklage bei Gericht ist die öffentliche Klage erhoben, und damit heißt die Person Angeschuldigter.

Neben der Anklage steht die Einstellung aus Opportunitätsgründen nach §§ 153 ff. StPO. Sie beendet das Verfahren, ohne dass jemals ein Angeschuldigter entsteht. Wie das Verhältnis von Legalitäts- und Opportunitätsprinzip genau aussieht, ist eine eigene Klausurfrage.

Was im Zwischenverfahren mit dem Angeschuldigten geschieht

Das Zwischenverfahren (§§ 199 bis 211 StPO) ist der Filter zwischen Staatsanwaltschaft und Hauptverhandlung. Das Gericht prüft die Anklage in eigener Verantwortung, und der Angeschuldigte bekommt hier seine erste förmliche Gelegenheit, sich zu wehren: Nach § 201 Abs. 1 StPO wird ihm die Anklageschrift mitgeteilt, und er kann Beweiserhebungen beantragen oder Einwendungen gegen die Eröffnung vorbringen.

Am Ende steht eine von zwei Entscheidungen. Hält das Gericht den Angeschuldigten für hinreichend verdächtig, eröffnet es das Hauptverfahren (§ 203 StPO). Tut es das nicht, ergeht ein Nichteröffnungsbeschluss nach § 204 StPO, der ausdrücklich dem Angeschuldigten bekanntzumachen ist.

Ein kritischer Blick lohnt sich hier. Das Zwischenverfahren soll vor unbegründeter Anklage schützen, entscheidet aber dasselbe Gericht, das später in der Hauptverhandlung urteilt. Die Kritik daran ist alt und in der Lehre unter dem Stichwort Inertia-Effekt geläufig: Wer die Eröffnung einmal beschlossen hat, hat sich innerlich festgelegt und nimmt entlastende Informationen schlechter auf. Ob der Filter deshalb eher grob arbeitet, lässt sich ohne belastbare Zahlen zu den Nichteröffnungen nicht sagen; die Kritik zielt auf die Konstruktion, nicht auf eine Quote.

Angeschuldigter beim Strafbefehl: der übersehene Sonderfall

Jetzt wird es feiner, und dieser Schritt wird in Klausuren gern übersehen. Der Strafbefehl ist kein dritter Weg neben der Anklage, sondern eine besondere Form der Anklageerhebung. § 407 Abs. 1 S. 4 StPO sagt es über den Antrag ausdrücklich: „Durch ihn wird die öffentliche Klage erhoben.“ Gegen wen ein Strafbefehlsantrag läuft, der ist Angeschuldigter, ganz ohne Anklageschrift.

Konsequent spricht das Gesetz weiter vom Angeschuldigten, solange über den Antrag noch nicht entschieden ist: In § 408 Abs. 2 StPO lehnt der Richter den Erlass ab, wenn er „den Angeschuldigten nicht für hinreichend verdächtig“ hält. Beraumt er dagegen Hauptverhandlung an, wechselt der Wortlaut im selben Paragraphen zum Angeklagten (§ 408 Abs. 3 S. 3 StPO), und nach einem Einspruch gegen den Strafbefehl heißt die Person in § 411 StPO durchgehend Angeklagter.

Daraus folgt eine Faustregel, die über § 157 StPO hinausgeht: Zum Angeklagten wird man durch die Entscheidung, die eine Hauptverhandlung eröffnet. Im Regelfall ist das der Eröffnungsbeschluss. Beim Strafbefehl übernimmt diese Funktion der Erlass des Strafbefehls beziehungsweise die Terminierung nach Einspruch.

Praktisch ist der Fall häufiger, als die Lehrbuchreihenfolge vermuten lässt: Von den 2023 erledigten Ermittlungsverfahren mündeten 10 Prozent in einen Strafbefehlsantrag und nur 6 Prozent in eine Anklage. Der Strafbefehl ist der Regelweg zur öffentlichen Klage, die Anklageschrift die Ausnahme.

Angeklagter: ab dem Eröffnungsbeschluss zur Hauptverhandlung

Mit dem Eröffnungsbeschluss ändert sich mehr als der Name. Die Sache wechselt den Herrn: Bis hierhin führte die Staatsanwaltschaft das Verfahren, ab jetzt das Gericht.

Der Eröffnungsbeschluss des Gerichts nach §§ 203, 207 StPO

§ 203 StPO knüpft die Eröffnung an denselben Verdachtsgrad wie die Anklage: Das Gericht eröffnet, wenn der Angeschuldigte „einer Straftat hinreichend verdächtig erscheint“. Es prüft also nach, was die Staatsanwaltschaft behauptet hat, mit demselben Maßstab, aber eigenem Kopf.

Der Beschluss selbst lässt nach § 207 Abs. 1 StPO die Anklage zur Hauptverhandlung zu und bezeichnet das zuständige Gericht. Ab seinem Erlass ist die Person Angeklagter, und zwar unabhängig davon, wann die Hauptverhandlung tatsächlich beginnt. Das ist der Punkt, an dem viele Bearbeitungen zu früh oder zu spät umschalten.

Der Beschluss zieht zugleich die Grenzen des Verfahrens. Nach § 155 Abs. 1 StPO erstreckt sich die Untersuchung nur auf die in der Klage bezeichnete Tat und auf die durch die Klage beschuldigten Personen. An die rechtliche Bewertung des Eröffnungsbeschlusses ist das Gericht dagegen nicht gebunden (§ 264 Abs. 2 StPO): Es darf denselben Lebenssachverhalt anders würdigen, nur eben nicht einen anderen Sachverhalt aburteilen.

Rechte und Pflichten des Angeklagten in der Hauptverhandlung

In der Hauptverhandlung wird die Rolle des Angeklagten zum ersten Mal körperlich. Er muss da sein. § 230 Abs. 1 StPO stellt klar: „Gegen einen ausgebliebenen Angeklagten findet eine Hauptverhandlung nicht statt.“ Bleibt er unentschuldigt fern, ordnet das Gericht nach § 230 Abs. 2 StPO die Vorführung an oder erlässt einen Haftbefehl. Und der Erschienene darf sich nach § 231 Abs. 1 StPO nicht einfach wieder entfernen.

Der Gang der Verhandlung steht in § 243 StPO: Aufruf der Sache, Feststellung der Anwesenheit, Vernehmung zur Person, Verlesung des Anklagesatzes durch die Staatsanwaltschaft, die Mitteilung des Vorsitzenden über etwaige Gespräche zu einer Verständigung nach § 257c StPO (§ 243 Abs. 4 StPO), dann der Hinweis an den Angeklagten, dass es ihm freisteht, sich zur Anklage zu äußern oder nicht zur Sache auszusagen (§ 243 Abs. 5 S. 1 StPO). Das Schweigerecht gilt also in der Hauptverhandlung genauso wie im Ermittlungsverfahren, nur steht es in einer anderen Norm.

Blick von den Zuschauerbänken in einen Gerichtssaal: ein Mann steht am Tisch der Verteidigung auf, drei Richter in Robe sitzen an der Richterbank
Abb. 6: Beginn einer Hauptverhandlung, Blick von den Zuschauerbänken.

Eine Besonderheit betrifft die Anwesenheitspflicht in ihrer Kehrseite: Sie ist zugleich ein Recht. Der Angeklagte darf bei jeder Beweiserhebung dabei sein, weil er sich sonst nicht verteidigen könnte. Deshalb ist die Abwesenheitsverhandlung nach § 231 Abs. 2 StPO eng begrenzt. Sie verlangt drei Dinge zugleich: Der Angeklagte war über die Anklage schon vernommen, das Gericht hält seine weitere Anwesenheit nicht für erforderlich, und er wurde in der Ladung darauf hingewiesen.

Vom Angeklagten zum Verurteilten: Urteil, Rechtsmittel, Rechtskraft

Die Hauptverhandlung schließt mit der Verkündung des Urteils, die auf die Beratung folgt, § 260 Abs. 1 StPO. Drei Ausgänge sind möglich: Verurteilung, Freispruch oder Einstellung durch Prozessurteil, wenn ein Verfahrenshindernis besteht (§ 260 Abs. 3 StPO). Bis zur Rechtskraft bleibt die Person Angeklagter, denn die Unschuldsvermutung wirkt bis dahin fort.

Das Gesetz zieht das sprachlich durch. § 267 StPO spricht bei den Urteilsgründen weiter vom Angeklagten, nicht vom Täter, und zwar auch dort, wo er verurteilt wird. Erst mit der Rechtskraft ist er Verurteilter.

Legt er Berufung oder Revision ein, bleibt es beim Angeklagten, denn das Rechtsmittelverfahren richtet sich gegen ein noch nicht rechtskräftiges Urteil. Rechtsmittelberechtigt sind nach § 296 Abs. 1 StPO Staatsanwaltschaft und Beschuldigter, und die Staatsanwaltschaft darf sie auch zugunsten des Beschuldigten einlegen. Die Einzelheiten der Rechtsbehelfe führen die Wissensseiten zur Berufung nach §§ 312 ff. StPO und zur Revision nach §§ 333 ff. StPO.

Tipp

Der Verfahrensgang lässt sich am besten in kleinen Einheiten wiederholen, weil er aus vielen Anschlussstellen besteht. Auf jurahilfe.de kannst du dir denselben Stoff wahlweise als kompaktes oder als ausführliches Skript ansehen, kompakt zum Wiederholen vor der Klausur, ausführlich beim ersten Durchgang.

Jetzt kostenlos starten

Rechte des Beschuldigten: was an jedem Status hängt

Der Statuswechsel ist kein Selbstzweck. An jeder Stufe hängen andere Rechte, und einige davon gelten von der ersten Minute an. Der Beschuldigte ist Prozesssubjekt, nicht Objekt der Untersuchung. Daran hängen die Einzelrechte.

Schweigerecht und Belehrung nach §§ 136, 163a, 243 StPO

Niemand muss sich selbst belasten. Der Grundsatz nemo tenetur se ipsum accusare ist im Strafverfahren an drei Stellen ausbuchstabiert, je nachdem, wer vernimmt. Vor Richter und Staatsanwaltschaft gilt § 136 Abs. 1 S. 2 StPO, bei der Polizei über § 163a Abs. 4 S. 2 StPO dieselbe Vorschrift, in der Hauptverhandlung § 243 Abs. 5 S. 1 StPO.

Belehrt werden muss über mehr als das Schweigen. § 136 Abs. 1 StPO verlangt, dem Beschuldigten zu eröffnen, welche Tat ihm zur Last gelegt wird und welche Strafvorschriften in Betracht kommen, ihn darauf hinzuweisen, dass es ihm freisteht, sich zu äußern oder nicht zur Sache auszusagen und jederzeit einen Verteidiger zu befragen, und ihm Informationen zur Kontaktaufnahme zur Verfügung zu stellen, auf anwaltliche Notdienste eingeschlossen.

Unterbleibt die Belehrung, ist die Aussage regelmäßig unverwertbar. Der Verstoß wirkt auf spätere Vernehmungen fort, solange nicht qualifiziert belehrt wird. Die Details dazu, die Widerspruchslösung eingeschlossen, führt die Wissensseite zu den Beweisverwertungsverboten.

Verteidiger jederzeit und Akteneinsicht nach §§ 137, 140, 147 StPO

§ 137 Abs. 1 S. 1 StPO ist eine der klarsten Normen der StPO: Der Beschuldigte kann sich „in jeder Lage des Verfahrens des Beistandes eines Verteidigers bedienen“. Jederzeit heißt hier wirklich jederzeit, auch vor der ersten Vernehmung und ohne Zustimmung der Behörde. Höchstens drei gewählte Verteidiger sind zulässig, § 137 Abs. 1 S. 2 StPO.

In bestimmten Fällen bleibt es nicht bei der Möglichkeit. § 140 StPO zählt die Fälle der notwendigen Verteidigung auf, insbesondere wenn dem Beschuldigten ein Verbrechen zur Last gelegt wird, die Hauptverhandlung vor dem Landgericht stattfindet oder er zur Entscheidung über Haft vorgeführt wird. Dann wird nach § 141 StPO ein Pflichtverteidiger bestellt, teils auf Antrag, teils von Amts wegen.

Die Akteneinsicht liegt nach § 147 StPO primär beim Verteidiger. Solange der Abschluss der Ermittlungen nicht vermerkt ist, kann sie versagt werden, soweit sonst der Untersuchungszweck gefährdet wäre; sitzt der Beschuldigte in Untersuchungshaft, sind ihm die für die Haftprüfung wesentlichen Informationen trotzdem zugänglich zu machen. Was in dieser Lage sonst noch gilt, steht im Artikel zur Untersuchungshaft nach § 112 StPO.

Pflichten: Erscheinen, Anwesenheit und Duldung belastender Maßnahmen

Rechte sind das eine, Pflichten das andere, und hier trennen sich die Stufen deutlich. Vor der Staatsanwaltschaft besteht eine Erscheinenspflicht (§ 163a Abs. 3 S. 1 StPO), vor der Polizei nicht. Eine polizeiliche Vorladung als Beschuldigter darf man folgenlos ignorieren, und das ist regelmäßig die Antwort auf die häufigste Laienfrage zum Thema.

Aktiv mitwirken muss der Beschuldigte nie. Er muss aber dulden: erkennungsdienstliche Maßnahmen nach § 81b StPO, Durchsuchungen, Beschlagnahmen. Die Grenze verläuft zwischen aktivem Tun und passivem Erdulden, und sie ist eine der beliebtesten Prüfungsfragen im Strafprozessrecht.

Die folgende Übersicht zeigt, was sich mit dem Status ändert und was nicht:

Recht oder PflichtBeschuldigterAngeschuldigterAngeklagter
Schweigerechtja, § 136 I 2jaja, § 243 V 1
Verteidigerjederzeit, § 137 Ijederzeitjederzeit
Akteneinsichtbeschränkbar, § 147 IIvoll, § 147 Ivoll
Erscheinen bei der Polizeineinneinnein
Erscheinen bei der Staatsanwaltschaftja, § 163a IIIjaja
Anwesenheit in der Hauptverhandlungnicht einschlägignicht einschlägigPflicht, §§ 230, 231
Stellungnahme zur Anklagenicht einschlägigja, § 201 Ija, § 243 V

Zwei Zeilen darin lohnen einen zweiten Blick. Die Akteneinsicht ist das einzige Recht, das mit dem Statuswechsel wirklich stärker wird, weil der Untersuchungszweck nach Abschluss der Ermittlungen nicht mehr gefährdet sein kann. Und die Anwesenheitspflicht ist die einzige echte Pflicht, die erst der Angeklagte trägt.

Abgrenzungen, die in Klausuren regelmäßig verwechselt werden

Drei Verwechslungen tauchen regelmäßig auf, zwei davon auch in Klausuren. Sie haben gemeinsam, dass sie eine Rolle aus einem anderen Verfahren importieren.

Angeklagter oder Beklagter: Strafprozess gegen Zivilprozess

Der Beklagte gehört in den Zivilprozess, der Angeklagte in den Strafprozess. Den Hintergrund bildet eine andere Prozessarchitektur. Im Zivilprozess streiten zwei Parteien über einen Anspruch, sie heißen Kläger und Beklagter, und wer klagt, entscheidet selbst darüber. Im Strafprozess klagt der Staat, vertreten durch die Staatsanwaltschaft, und der Angeklagte steht keiner Partei gegenüber, sondern einem Gericht, das die Wahrheit von Amts wegen erforscht.

Daraus folgt der praktische Unterschied: Ein Zivilurteil kann ergehen, wenn der Beklagte nicht erscheint, als Versäumnisurteil. Ein Strafurteil gegen den ausgebliebenen Angeklagten gibt es nach § 230 Abs. 1 StPO grundsätzlich nicht. Ein „Angeklagter“ in der zivilrechtlichen Klausur verrät dem Korrektor in einem Wort, dass die Verfahrensarten durcheinandergehen.

Merkhilfe: Der Beklagte wird beklagt, der Angeklagte angeklagt. Anklage erhebt allein die Staatsanwaltschaft.

Betroffener im Bußgeldverfahren statt Beschuldigter

Wer zu schnell gefahren ist, ist kein Beschuldigter. Das Ordnungswidrigkeitenrecht kennt eine eigene Rolle: den Betroffenen. § 55 OWiG trägt die amtliche Überschrift „Anhörung des Betroffenen“ und verlangt, ihm Gelegenheit zu geben, sich zu der Beschuldigung zu äußern.

Gelber Blitzeranhänger am Grasstreifen einer Ortsdurchfahrt, ein rotes Auto fährt in der Abendsonne unscharf vorbei
Abb. 7: Mobile Geschwindigkeitsmessanlage an einer Ortsdurchfahrt.

Die Regeln aus dem Ablauf des Strafverfahrens gelten dabei sinngemäß weiter, § 46 Abs. 1 OWiG. Der Betroffene hat also ebenfalls ein Schweigerecht und darf einen Verteidiger hinzuziehen. Anders ist die Behördenrolle: Die Verwaltungsbehörde darf das Verfahren selbst mit einem Bußgeldbescheid abschließen, während die Staatsanwaltschaft nur anklagen kann. Unzulässig sind im Bußgeldverfahren außerdem Verhaftung und vorläufige Festnahme (§ 46 Abs. 3 OWiG). Was das für die Einstellungspraxis bedeutet, streift der Artikel zum Opportunitätsprinzip auch für § 47 OWiG.

Einziehungsbeteiligte und weitere Beteiligte des Strafverfahrens

Neben dem Beschuldigten stehen weitere Personen im Verfahren, die keine Beschuldigten sind und trotzdem eigene Rechte haben. Der Einziehungsbeteiligte ist der praktisch wichtigste Fall. Richtet sich die Einziehung gegen jemanden, der nicht Beschuldigter ist, ordnet das Gericht seine Beteiligung an (§ 424 Abs. 1 StPO). Ab der Eröffnung des Hauptverfahrens hat er nach § 427 Abs. 1 S. 1 StPO die Befugnisse, die einem Angeklagten zustehen, soweit es um die Einziehung geht.

Dazu kommt der Nebenkläger, also der Verletzte, der sich der erhobenen öffentlichen Klage bei den in § 395 StPO genannten Delikten anschließt, sowie Zeugen und Sachverständige als Beweispersonen. Den Überblick über die Rollen gibt die Wissensseite zu den Beteiligten des Strafverfahrens und, für die Beweisseite, bei den Beweispersonen.

Beschuldigter in der Klausur: Schema, Beispiel und typische Fehler

In der Klausur taucht die Beschuldigteneigenschaft fast nie als eigene Frage auf. Sie steckt in einer anderen: Ist die Aussage verwertbar? Fängst du dort mit der Belehrungspflicht an, hast du den ersten Schritt übersprungen.

Prüfungsschema für die Beschuldigteneigenschaft

Die Prüfung hat zwei Punkte und einen Zusatz. Erst objektiv, dann subjektiv, dann die Kontrolle:

SchrittPrüfungspunktMaßstab
1Materieller Anfangsverdachtzureichende tatsächliche Anhaltspunkte gegen diese Person, § 152 Abs. 2 StPO
2Inkulpationsaktnach außen erkennbarer Verfolgungswille aus Ziel, Gestaltung und Begleitumständen
3Willkürkontrollewäre es willkürlich, die Person weiter als Zeugin zu führen? Dann Status trotz fehlendem Akt
Entscheidungsbaum zur Prüfung der Beschuldigteneigenschaft: Anfangsverdacht, Inkulpationsakt, Willkürkontrolle und Ergebnis
Abb. 8: Prüfungsschema der Beschuldigteneigenschaft als Entscheidungsbaum.

Schritt 3 ist kein eigener Prüfungspunkt der herrschenden Meinung, sondern die Korrektur des Beurteilungsspielraums aus BGHSt 51, 367. In der Klausur schreibst du ihn trotzdem, weil dort fast immer genau der Fall liegt, in dem der Akt fehlt und der Verdacht schon drückend ist.

Ein Beispiel für den vollen Durchgang: Bei einem Wohnungsbrand wird die Ehefrau des Eigentümers befragt. Zunächst geht es um den Ablauf des Abends, das ist informatorische Befragung. Dann findet die Feuerwehr Brandbeschleuniger, die Beamten wissen es, und sie fragen weiter nach ihrer Versicherung, ihren Schulden und ihrem Aufenthalt. Ab dieser Wendung liegt objektiv ein Anfangsverdacht vor, und die Gestaltung der Befragung zeigt den Verfolgungswillen. Ohne Belehrung ist alles ab diesem Punkt regelmäßig unverwertbar.

Behandschuhte Hände heben einen verrußten Metallkanister vom verkohlten Dielenboden eines ausgebrannten Zimmers auf
Abb. 9: Brandort nach einem Wohnungsbrand.

Fünf Fehler, die in StPO-Klausuren Punkte kosten

Erstens: die Bezeichnung im Protokoll für maßgeblich halten. Ob jemand Beschuldigter ist, entscheidet die Lage, nicht das Etikett der Behörde. Zweitens: den Anfangsverdacht nur auf die Tat beziehen und nicht auf die Person; ein Verfahren gegen Unbekannt hat keinen Beschuldigten.

Drittens: den Verdachtsgrad verwechseln. Anfangsverdacht für die Ermittlungen, hinreichender Tatverdacht für Anklage und Eröffnung, dringender Tatverdacht für die Untersuchungshaft nach § 112 Abs. 1 StPO. Die vorläufige Entziehung der Fahrerlaubnis hat einen eigenen Maßstab: § 111a Abs. 1 StPO verlangt dringende Gründe für die Annahme, dass die Fahrerlaubnis entzogen werden wird. Viertens: den Statuswechsel zu früh ansetzen. Angeklagter wird man erst mit dem Eröffnungsbeschluss, nicht schon mit der Anklageschrift.

Fünftens: bei der qualifizierten Belehrung abkürzen. Nach einer Zeugenvernehmung reicht es nicht, das Schweigerecht noch einmal vorzulesen; nötig ist der zusätzliche Hinweis auf die Unverwertbarkeit der früheren Aussage.

Übrigens funktioniert StPO-Wissen anders als materielles Strafrecht. Es gibt weniger zu subsumieren, dafür mehr Anschlussstellen zwischen Normen.

Hast du die Rollenkette einmal sauber im Kopf, liest du jede StPO-Norm schneller, weil ihr Wortlaut den Verfahrensstand mitverrät: Steht dort „Angeschuldigter“, befindet sich die Sache im Zwischenverfahren, steht dort „Angeklagter“, läuft das Hauptverfahren. Für den Rest hilft Übung am Fall, etwa mit dem Falltraining und den Multiple-Choice-Aufgaben auf jurahilfe.de, die den Verfahrensgang an kleinen Sachverhalten abfragen.

Weiterlesen

Häufig gestellte Fragen

Frieder Hammer

Über den Autor

Frieder Hammer

Repetitor, Fachautor und Gründer von Jurahilfe.de

Volljurist, Prädikatsexamen (Schwerpunkt Steuerrecht)

Hat 11 Fachbücher für die juristische Ausbildung geschrieben und ist seit 2017 als Repetitor tätig. Er hat über 400 Jurastudenten im Einzelunterricht erfolgreich auf ihre Prüfungen vorbereitet. Seine juristische und didaktische Expertise ist die DNA der Lernplattform Jurahilfe.de.

  • Zivilrecht
  • Strafrecht
  • Öffentliches Recht
  • Jurastudium
  • Examensvorbereitung
  • juristische Didaktik
Mehr über Frieder Hammer

Lerne einfach, interaktiv, modular, kostenlos, motivierend, überall und unterwegs Jura.

Starte jetzt kostenlos und überzeug dich selbst.