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Pareto Prinzip: Lohnt sich die 80-20-Regel beim Jura lernen?

Studentin sitzt mit Bleistift vor mehreren aufgeschlagenen Büchern und Papieren und liest eine Textseite

Der Mann, der die 80-20-Regel benannt hat, hat den Namen später schriftlich widerrufen. Das Pareto Prinzip besagt, dass ein kleiner Teil der Ursachen den größten Teil der Wirkung erzeugt, klassisch 80 Prozent der Ergebnisse aus 20 Prozent des Aufwands. Beim Jura lernen zahlt sich das aus, wenn du es auf die Lerntiefe anwendest. Auf die Stoffauswahl angewendet kostet es Punkte.

Diese Unterscheidung entscheidet, ob du in der Klausur mit einem Schwerpunkt sitzt oder mit einer Lücke. Wer sie überliest, erlebt die 80-20-Regel im Jurastudium als Enttäuschung. Wo das Pareto Prinzip sinnvoll ist und wo nicht, klärt dieser Artikel an vier konkreten Anwendungen.

Auf einen Blick:

  • Das Pareto Prinzip ist keine Naturkonstante, sondern die Beobachtung einer schiefen Verteilung. Die Zahlen können 90 zu 5 lauten oder 70 zu 30, und sie müssen sich nicht zu 100 addieren.
  • Vilfredo Pareto hat die 80-20-Regel nie formuliert. Joseph Juran hat sie 1951 nach ihm benannt und 1975 eingeräumt, dass der Name falsch ist.
  • Im Pflichtstoff funktioniert die Regel nicht: Ein Anspruch, den du zu 80 Prozent prüfst, ist kein Anspruch.
  • Wo sie funktioniert: bei der Lerntiefe, bei deinen eigenen Fehlerquellen, beim Material und bei der Wiederholung.
  • Die stärkste Anwendung ist die, für die Juran das Prinzip erfunden hat: eine Pareto Analyse deiner Klausurfehler statt deines Stoffs.

Tipp

Wer denselben Stoff je nach Thema unterschiedlich tief lernen will, findet auf jurahilfe.de interaktive Skripten, Karteikarten und Multiple-Choice-Aufgaben, die aufeinander aufbauen: erst verstehen, dann abrufen, dann am Fall testen.

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Spalten-Vergleich: auf die Lerntiefe angewendet bringt die 80-20-Regel Punkte, auf die Stoffauswahl angewendet kostet sie Punkte
Abb. 1: Dieselbe Regel, auf die Lerntiefe angewendet, bringt Punkte; auf die Stoffauswahl angewendet kostet sie welche.

Was besagt das Pareto Prinzip? Die 80-20-Regel fürs Lernen erklärt

Das Pareto Prinzip besagt, dass sich Ursachen und Wirkungen ungleich verteilen: Ein kleiner Teil des Aufwands erzeugt den größten Teil der Ergebnisse. Die Kurzform 80 zu 20 ist dabei nur ein Merkwert, keine gemessene Größe. Für das Lernen bedeutet das: Erst prüfen, ob die eigene Aufgabe überhaupt schief verteilt ist. Dann entscheiden, was daraus folgt. Wer diesen ersten Schritt überspringt, kann mit der Regel wenig erreichen.

Übersprungen wird dieser Schritt schnell. Wer die schiefe Verteilung voraussetzt, leitet aus einer Vermutung eine Handlungsanweisung ab.

Woher die 80-20-Regel stammt: Pareto, Juran und ein Namensirrtum

Der italienische Ökonom Vilfredo Pareto zeigte in seinem Cours d'économie politique (Lausanne und Paris 1896/97), dass rund 80 Prozent des Bodens im Königreich Italien 20 Prozent der Bevölkerung gehörten. Pareto beschrieb damit eine Vermögensverteilung. Eine allgemeine Regel für Aufwand und Ertrag hat er nie aufgestellt.

Das tat ein anderer. Joseph M. Juran, Ingenieur und Qualitätsmanager, beobachtete seit den 1920er Jahren, dass wenige Fehlerarten den Großteil aller Ausschussteile verursachten. Für dieses Muster brauchte er einen kurzen Namen. In seinem Quality Control Handbook von 1951 stand unter der entscheidenden Grafik die Bildunterschrift „Pareto's principle of unequal distribution“, und so wurde das Muster Pareto Prinzip genannt. Die Formel von den vital few and trivial many veröffentlichte er drei Jahre später.

Ein Vierteljahrhundert danach räumte Juran den Fehler öffentlich ein, in einem Aufsatz mit dem Titel The Non-Pareto Principle; Mea Culpa:

„I had mistakenly applied the wrong name to the principle.“ (Joseph M. Juran, The Non-Pareto Principle; Mea Culpa, Quality Progress, Mai 1975)

Übrigens stammen auch die berühmten Beispiele nicht von Pareto. Dass 20 Prozent der Kunden 80 Prozent des Umsatzes bringen, ist eine Faustregel ohne festen Beleg. Dass wenige Fehler den größten Teil der Abstürze verursachen, hat dagegen jemand nachgemessen: Microsoft berichtete 2002, dass die Behebung der 20 Prozent meistgemeldeten Programmfehler rund 80 Prozent der Abstürze beseitigt. Zwischen einer Faustregel und einer Messung liegt der ganze Unterschied.

Warum sich 80 und 20 nicht zu 100 addieren müssen

Hier steckt der häufigste Denkfehler. 80 und 20 messen zwei verschiedene Dinge: Der eine Wert steht für den Anteil an der Wirkung, der andere für den Anteil an den Ursachen. Sie müssen sich deshalb nicht zu 100 ergänzen. Eine reale Verteilung kann 90 zu 5 lauten, 70 zu 30 oder 99 zu 1.

Mathematisch beschreibt das Pareto Prinzip eine Potenzverteilung. Solche Verteilungen tauchen an vielen Stellen auf, von Einkommen über Erdbebenstärken bis zur Worthäufigkeit in Texten. Sie sind aber kein Naturgesetz, das man voraussetzen dürfte. Ob eine bestimmte Aufgabe so verteilt ist, ist eine empirische Frage.

Für dich heißt das: Die 80-20-Regel ist eine Hypothese über deinen Lernstoff. Hypothesen prüft man, bevor man ihnen folgt.

Was Juran später zurücknahm: von den trivial many zu den useful many

Juran korrigierte noch etwas Zweites, und das ist für Jurastudierende der wichtigere Punkt. Aus den trivial many machte er die useful many. Der Grund: Die Formel legte nahe, die übrigen 80 Prozent seien wertlos. So wird die 80-20-Regel beim Lernen bis heute gelesen.

Der Erfinder der Regel hat diese Lesart also selbst kassiert. Die vielen kleinen Beiträge sind nicht wertlos, sie sind nur einzeln kleiner. In der Qualitätskontrolle heißt das: Man beginnt bei den großen Fehlerquellen, streicht die kleinen aber nicht aus dem Prüfplan.

Wie funktioniert das Pareto Prinzip beim Lernen?

Beim Lernen funktioniert die 80-20-Regel dort, wo der Stoff nach Häufigkeit verteilt ist, und sie versagt dort, wo er nach Struktur verknüpft ist. Vokabeln, Standardprobleme und typische Fehler sind häufigkeitsverteilt. Ein Anspruchsaufbau ist es nicht. Wer beides gleich behandelt, verliert in der Klausur genau die Punkte, die er sparen wollte.

Wo beim Lernen echte 80-20-Verteilungen gemessen sind

Es gibt sie, und sie sind eindrucksvoll. Beim Wortschatz einer Sprache decken die 1.000 häufigsten Wortfamilien 78 bis 81 Prozent eines geschriebenen englischen Textes ab, die zweiten 1.000 noch einmal 8 bis 9 Prozent (Nation, How Large a Vocabulary Is Needed for Reading and Listening?, 2006). Das ist fast exakt eine 80-20-Verteilung. Für 98 Prozent Abdeckung brauchst du dagegen 8.000 bis 9.000 Wortfamilien.

Diese Zahl zeigt beides. Der Einstieg ist billig, die Vollständigkeit ist teuer. Wer eine Sprache zum Zeitunglesen lernt, fährt mit der 80-20-Methode hervorragend. Für eine Prüfung, in der jeder Satz zählt, reicht dieselbe Abdeckung nicht.

Kennzahlen: die 1.000 häufigsten Wortfamilien decken 80 Prozent eines Textes, für 98 Prozent braucht es 8.000 bis 9.000
Abb. 2: Die letzten 18 Prozentpunkte Textabdeckung kosten den neunfachen Wortschatz.

Auch in Jura gibt es gemessene Schieflagen. Der Kölner Klausurenkurs hat 150 zivilrechtliche Examensklausuren ausgewertet: Schuldrecht BT kam in 82,7 Prozent vor, Erbrecht in 7,3 Prozent. Diese Trefferquoten und was du aus ihnen ableiten darfst, stehen ausführlich im Beitrag zum Prioritäten setzen im Jurastudium.

Warum der Jura-Pflichtstoff keine solche Verteilung hat

Eine Klausur-Trefferquote sagt, wie oft ein Gebiet auftaucht. Sie sagt nichts über die Tiefe. Und nichts darüber, was du weglassen darfst. Der Unterschied liegt in der Struktur juristischer Prüfung.

Ein Anspruch ist eine Und-Verknüpfung. Die anspruchsbegründenden Voraussetzungen müssen kumulativ vorliegen, und danach muss der Anspruch auch noch untergangs- und einredefrei sein: entstanden, nicht wieder erloschen, durchsetzbar. Du kannst einen Anspruch nicht zu 80 Prozent prüfen. Fehlt dir ein Tatbestandsmerkmal, endet die Prüfung dort, und zwar unabhängig davon, wie sicher du die anderen beherrschst. Wie diese Verknüpfung im Einzelnen läuft, steht auf der Wissensseite zur Anspruchsprüfung.

Dazu kommt die Vorgabe des Gesetzes. Pflichtfächer sind nach § 5a Abs. 2 S. 3 DRiG die Kernbereiche des Bürgerlichen Rechts, des Strafrechts, des öffentlichen Rechts und des Verfahrensrechts, dazu die europarechtlichen Bezüge, die rechtswissenschaftlichen Methoden und die philosophischen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Grundlagen. Welcher Stoff daraus im Einzelnen abgefragt werden darf, legen die Prüfungsordnungen der Länder fest. Ein Gebiet mit 7 Prozent Trefferquote steht in diesem Katalog und kommt in deinem Termin trotzdem dran. Dann sitzt du davor.

Und noch ein Punkt fällt beim Rechnen mit Prozenten oft unter den Tisch: Die Endnote setzt sich nach § 5d Abs. 2 S. 4 DRiG zu 70 Prozent aus der staatlichen Pflichtfachprüfung und zu 30 Prozent aus der Schwerpunktbereichsprüfung zusammen. Was du weglässt, lässt du in genau diesen 70 Prozent weg.

Ablaufgrafik: drei mit UND verknüpfte Voraussetzungen, eine davon mit Lücke, Ergebnis Anspruch nicht begründet
Abb. 3: Fehlt eine Voraussetzung, endet die Prüfung, egal wie sicher du die anderen beherrschst.

Die entscheidende Verschiebung: Lerntiefe statt Stoffauswahl

Die Regel ist damit noch nicht erledigt, sie zielt nur auf die falsche Größe. Verschiebe sie von der Frage was auf die Frage wie tief, und sie wird sofort brauchbar.

Der Gedanke ist einfach: Bei rund 20 Prozent der Themen brauchst du echte Tiefe, also Meinungsstreite mit Argumenten, Rechtsprechung und eigener Stellungnahme. Bei den übrigen 80 Prozent reicht sichere Kenntnis von Aufbau und Definition, damit du den Anspruch sauber durchprüfen kannst. Du streichst also nichts, du dosierst.

Praktisch heißt das, dass du jedes Thema mindestens einmal auf Aufbau-Niveau beherrschen musst und nur wenige auf Streit-Niveau. Diese Dosierung bringt real Punkte. Das Weglassen ganzer Gebiete bringt sie nicht.

Tipp

Je nach gewünschter Lerntiefe kannst du dasselbe Thema auf jurahilfe.de als kompaktes oder als ausführliches Skript lesen: kompakt für die 80 Prozent, die du sicher durchprüfen musst, ausführlich für die Themen, bei denen du den Streit wirklich verstehen willst.

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Pareto Prinzip im Zeitmanagement: vier Anwendungen fürs Jurastudium

Beim Lernen hilft dir das Pareto Prinzip an vier Stellen: bei der Lerntiefe, bei deinen Fehlerquellen, bei der Auswahl des Materials und bei der Wiederholung. Alle vier helfen dir, mit derselben Lernzeit mehr zu erzielen, und alle vier haben eines gemeinsam: Sie verändern, wie du deine Zeit auf vorhandenen Stoff verteilst. Keine davon streicht Stoff. Im Zeitmanagement kannst du sie einzeln oder zusammen nutzen. Die Methodenlandschaft dahinter beschreibt der Überblick zum Zeitmanagement im Jurastudium.

Lerntiefe steuern: Meinungsstreit oder Definition

Die erste Anwendung des Pareto Prinzips ist die naheliegendste, weil sie dir dabei hilft, Aufwand zu dosieren, statt Stoff zu streichen. Geh deinen Stoffplan durch und markiere jedes Thema mit einer von zwei Stufen: Aufbau-Niveau oder Streit-Niveau. Aufbau-Niveau heißt: Du kennst Anspruchsgrundlage, Voraussetzungen und Definitionen gut genug, um sie in der richtigen Reihenfolge abzuarbeiten. Auf Streit-Niveau kommen die vertretenen Ansichten dazu, das tragende Argument und deine eigene Linie.

Auf Streit-Niveau gehören die klassischen Klausurprobleme, die seit Jahrzehnten wandern. Auf Aufbau-Niveau gehört alles andere. Wenn du diese Zuordnung einmal sauber machst, hast du die 80-20-Regel im Jurastudium richtig angewendet, ohne ein einziges Gebiet zu opfern.

Der Test dafür ist unbequem und schnell: Erklär das Thema laut in zwei Minuten, ohne Unterlagen. Wo du ins Stocken gerätst, fehlt die Tiefe. Das ist im Kern die Feynman-Methode, und sie deckt Scheinwissen zuverlässiger auf als jedes Wiederlesen.

Fehlerquellen finden statt Stoff streichen

Die zweite Anwendung ist die eigentliche Erfindung Jurans, und sie wird beim Lernen fast nie genutzt. Juran hat das Prinzip nicht auf Lerninhalte angewendet, sondern auf Fehler. Er fragte: „welche wenigen Ursachen erzeugen den größten Teil des Ausschusses“.

Übertrag das auf deine Übungsklausuren. Sammle die Randbemerkungen deiner letzten fünf Korrekturen und sortiere sie nach Fehlerart: Gutachtenstil verrutscht, Obersatz fehlt, Schwerpunkt verfehlt, Anspruchsgrundlage falsch gewählt, Zeit nicht eingeteilt, Definition ungenau. Meist stehen zwei oder drei Fehlerarten für den Großteil des Punktverlusts, und häufig liegen sie in der Methodik. Oben in dieser Liste stehen deine wichtigsten Baustellen.

Deine Fehlerliste kennst du wirklich, die 20 Prozent des Stoffs kennst du nicht. Wie du solche Muster über die Zeit sichtbar machst, steht im Beitrag zum Lerntagebuch im Jurastudium.

Tipp

Wo genau deine Lücken liegen, zeigt sich beim aktiven Abrufen schneller als beim Lesen. Die Karteikarten im intelligenten Wiederholungssystem auf jurahilfe.de fragen dich gezielt zu den Inhalten ab, die du gerade gelesen hast, und legen offen, was du noch nicht sicher beherrschst.

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Drei Tipps für Material und Wiederholung

Die dritte und vierte Anwendung sind schnell erzählt, aber sie sparen viel Zeit.

Beim Material zuerst: Wer denselben Stoff aus drei Lehrbüchern, zwei Skripten und einer Vorlesungsmitschrift lernt, verbringt einen großen Teil seiner Arbeit damit, dasselbe dreimal zu lesen. Eine Quelle je Thema, sauber durchgearbeitet, schlägt sechs angelesene. Was dabei in deine eigene Zusammenfassung gehört, klärt der Beitrag zu Jura-Lernzetteln.

Mehrere aufgeschlagene Bücher liegen übereinander gestapelt auf einem Tisch
Drei Bücher zum selben Thema kosten Zeit und bringen selten mehr als das eine, das du wirklich durcharbeitest.

Bei der Wiederholung gilt dasselbe. Wiederhol vor allem das, was du beim letzten Mal falsch hattest. Wachsende Wiederholungsabstände leisten das, wie sie im Beitrag zu Spaced Repetition und Active Recall beschrieben sind. Der Effekt ist derselbe wie bei Juran: Du steckst Zeit in die wenigen Stellen, an denen etwas schiefgeht.

Bleiben die Aufgaben für den Tag. Wenn du eine To-do-Liste führst, dann sortiere sie nach der Wirkung auf die nächste Klausur. Eine Übungsklausur wiegt mehr als drei Stunden Markieren. Praktische Zeitblöcke dafür liefert die Pomodoro-Technik beim Lernen.

Pareto Analyse in fünf Schritten: so findest du deine eigenen 20 Prozent

Die Pareto Analyse ist das Werkzeug hinter dem Prinzip: Du zählst Ursachen, sortierst sie nach Häufigkeit und schaust, wo die kumulierte Kurve abflacht. In der Qualitätskontrolle ist das Standard, im Lernalltag kennt es fast niemand. Du brauchst dafür fünf Übungsklausuren und zwanzig Minuten.

Schritt 1 bis 3: sammeln, ordnen, kumulieren

Schritt 1: sammeln. Trag jede Korrekturanmerkung deiner letzten Klausuren in eine Liste ein, eine Zeile je Anmerkung. Noch nicht bewerten, nur sammeln. Auf die Vollständigkeit kommt es an.

Schritt 2: ordnen. Fass die Zeilen zu Fehlerarten zusammen und zähl, wie oft jede vorkommt. Halt die Zahl der Kategorien klein, sechs bis acht reichen. Zu viele Kategorien zerstreuen genau das Muster, das du identifizieren willst.

Schritt 3: kumulieren. Sortier die Fehlerarten absteigend und addier die Anteile von oben nach unten. Irgendwo zwischen der zweiten und der vierten Zeile stehst du bei rund 80 Prozent. Alles darüber ist deine Baustelle. Denselben Ablauf kannst du auch für andere Aufgaben nutzen, etwa für die Fehler in deinen Hausarbeiten.

Person im dunklen Sakko hält einen Stapel handschriftlich beschriebener Blätter und geht sie mit einem Bleistift durch

Schritt 4 und 5: Maßnahme und Nachkontrolle

Schritt 4: eine Maßnahme je Fehlerart. Und zwar eine konkrete, überprüfbare. Sie lautet „in den nächsten drei Klausuren jeden Obersatz vor der Prüfung ausformulieren“ und nicht „besser subsumieren“. Zwei Maßnahmen gleichzeitig sind genug, mehr verwässern die Wirkung.

Schritt 5: nachkontrollieren. Nach drei weiteren Klausuren zählst du erneut. Ist die Fehlerart gesunken, nimmst du dir die nächste vor. Ist sie geblieben, lag es an der Maßnahme. Diesen Punkt solltest du dir merken, er nimmt viel Druck raus: Auch erfahrene Korrektoren finden bei sich selbst noch Methodikfehler.

Der ganze Ablauf dauert weniger als eine Lerneinheit und wirkt länger als jede Stoffwiederholung. Am Ende steht eine Liste mit Zahlen statt eines Gefühls.

Proportionsleiste: drei von sechs Fehlerarten stehen für 77 Prozent des Punktverlusts in fünf Übungsklausuren
Abb. 4: Beispielauswertung von fünf Übungsklausuren nach Fehlerart.

Pareto Prinzip, ABC Analyse und Eisenhower Matrix nebeneinander

Drei Verfahren werden gern in einem Atemzug genannt, obwohl sie verschiedene Fragen beantworten. Die folgende Übersicht ordnet sie ein; Details zu den Priorisierungsverfahren stehen im Beitrag zum Prioritäten setzen.

Wenig elegant finde ich, wenn diese Verfahren als konkurrierende Systeme verkauft werden. Sie greifen an verschiedenen Stellen des Tages.

VerfahrenFrageStärke im StudiumGrenze
Pareto PrinzipWie ungleich ist der Ertrag verteilt?Deckt auf, wo wenige Ursachen viel bewirkenSagt nicht, was du weglassen darfst
ABC AnalyseWas ist diese Aufgabe wert?Trennt Produzieren von VerwaltenSagt nichts über Fristen
Eisenhower MatrixWichtig oder dringend?Zeigt den NotfallmodusDelegieren entfällt im Studium

Kurz gesagt: Die Eisenhower Matrix sortiert deine Aufgaben nach Dringlichkeit, die ABC Analyse nach Wert, das Pareto Prinzip fragt nach der Verteilung dahinter. Erst zusammen ergeben sie ein brauchbares Bild deiner Woche. Wie du daraus einen belastbaren Plan machst, steht im Leitfaden zum Jura-Lernplan erstellen.

Gefahren des Pareto Prinzips: wo die 80-20-Regel Punkte kostet

Die Gefahren des Pareto Prinzips entstehen bei der Übersetzung ins Lernen. Aus einer Beobachtung über Verteilungen wird eine Erlaubnis. Weglassen erlaubt. Wer den Sprung mitmacht, spart Zeit an einer Stelle, die er im Examen nicht wählen darf, und verliert sie an einer anderen doppelt.

Der teure Kurzschluss: 20 Prozent lernen, den Rest weglassen

Das ist der Klassiker. Er klingt schlüssig und ist es nicht. Der Kurzschluss unterstellt, dass sich Prüfungspunkte wie Umsätze verhalten: additiv, teilbar, ersetzbar. Verkaufst du an 20 Prozent deiner Kunden, machst du eben 80 Prozent des Umsatzes. Prüfst du 20 Prozent eines Anspruchs, machst du null Prozent des Anspruchs.

Dazu kommt ein Auswahlproblem. Die 20 Prozent, die du weglässt, wählst du aus deinem heutigen Wissensstand heraus. Genau die Themen, die du am wenigsten verstehst, wirken dabei am unwichtigsten, weil du ihre Rolle im System noch nicht siehst. Der Filter arbeitet also gegen dich. Wie du den Pflichtstoff stattdessen sauber eingrenzt, steht im Beitrag zur Stoffmenge im Jurastudium.

Die 64/4-Falle

Richard Koch hat die Regel 1997 in seinem Buch The 80/20 Principle populär gemacht und dabei einen verlockenden Gedanken verbreitet: Man könne sie auf sich selbst anwenden. 20 Prozent von 20 Prozent erzeugen 80 Prozent von 80 Prozent, also 4 Prozent des Aufwands für 64 Prozent des Ergebnisses. Als Bild ist das eingängig, als Rechenweg ist es heikel, weil sich Unschärfen bei jedem Durchgang multiplizieren.

Im Lernkontext führt die 64/4-Rechnung zu einem winzigen Reststoff und einem großen Selbstvertrauen. Beides passt schlecht zu einer Prüfung, in der ein einzelner unbekannter Streitstand die halbe Klausur entscheidet. Als Schlüssel zum Erfolg wird die 80-zu-20-Regel gern verkauft. Für den Pflichtstoff taugt sie als 80-20-System jedoch nicht.

Was die Regel über deinen eigenen Stand nicht sagt

Und dann ist da die Lücke, die jede Statistik hat: Sie kennt dich nicht. Eine Trefferquote misst, wie oft ein Gebiet in fremden Klausuren vorkam. Über deinen Stand sagt sie nichts.

Wenn du Sachenrecht sicher beherrschst und beim Bereicherungsrecht raten musst, ist Bereicherungsrecht für dich die höhere Priorität, obwohl es die niedrigere Quote hat. Der Lernwert einer Stunde ergibt sich aus Trefferquote mal eigener Lücke. Deshalb zählt für dich immer die Kombination aus beidem. Fremde Häufigkeiten können dir dabei helfen, das Feld zu sortieren. Orientieren solltest du dich am Ende aber an deiner eigenen Lücke. Wer die Regel nicht umgesetzt bekommt, scheitert meistens am eigenen Maßstab; dazu passt der Artikel über Perfektionismus im Jurastudium.

Hinweis

Wer wissen will, wie sicher er ein Thema wirklich beherrscht, testet es am Fall statt im Kopf. Die Multiple-Choice-Aufgaben auf jurahilfe.de arbeiten mit kleinen Sachverhalten, deren falsche Antwortoptionen typische Denkfehler abbilden, und schließen den Lernpfad mit einem Abschlusstest samt Note ab.

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Vorteile und Nachteile der 80-20-Regel beim Lernen, zusammengefasst

Als Diagnosewerkzeug taugt das Pareto Prinzip, als Streichliste nicht. Es hilft dir beim Lernen, ungleiche Verteilungen zu erkennen. Und es ordnet deine Zeit nach Wirkung statt nach Gewohnheit. Welchen Stoff du überspringen darfst, sagt es dir nicht.

AnwendungUrteilGrund
Stoffauswahl im PflichtstoffuntauglichEin Anspruch ist eine Und-Verknüpfung, 80 Prozent davon ergeben null
Lerntiefe je ThemastarkDosiert den Aufwand, ohne ein Gebiet zu streichen
Eigene FehlerquellenstarkGemessen statt vermutet, Jurans ursprüngliche Anwendung
Auswahl des MaterialsstarkDreifaches Lesen desselben Stoffs bringt keinen dreifachen Ertrag
WiederholungstarkZeit fließt dorthin, wo beim letzten Mal etwas schieflief
Zeiteinteilung in der KlausurbrauchbarAuf den Schwerpunkt entfällt der Großteil der Punkte
Rekursive 64/4-RechnunguntauglichUnschärfen multiplizieren sich bei jedem Durchgang

Tipps für Semester, Examensvorbereitung und Klausurtag

Im Semester nutzt du die Regel für die Lerntiefe. Markier bei jedem neuen Thema, ob es Aufbau-Niveau oder Streit-Niveau braucht, und richte die Zeit danach aus. Der Rest ist normale Stoffarbeit.

In der Examensvorbereitung nutzt du sie für deine Fehler. Führ die Pareto Analyse deiner Korrekturen einmal im Quartal durch und leite je eine Maßnahme ab. Wie du die letzten Wochen davor einteilst, steht im Beitrag zur Klausurenphase.

Am Klausurtag gilt die Regel nur noch für die Zeiteinteilung. Für den Stoff nicht mehr. Es lohnt sich, rund 80 Prozent der Zeit mit 20 Prozent der Aufgabe zu verbringen, nämlich mit dem Schwerpunkt, und Unproblematisches knapp festzustellen. Welche Aufgabe der Schwerpunkt ist, erkennst du am Sachverhalt: Was ausführlich geschildert wird, will geprüft werden.

Studierende sitzen in einem sonnendurchfluteten Prüfungsraum an Einzeltischen und schreiben

Wann du die Regel besser ignorierst

In den vier Anwendungen oben kann dir das Pareto Prinzip dabei helfen. In drei Lagen kostet es dich eher Zeit, als dass es welche spart. Beim ersten Durchgang durch ein neues Rechtsgebiet fehlt dir die Grundlage, um überhaupt zu erkennen, was wichtig ist; hier hilft nur, einmal vollständig durchzugehen. Bei Definitionen bringt eine halb erinnerte Fassung wenig, weil die Punkte an den einzelnen Merkmalen hängen und gerade die in der halben Fassung fehlen. Und im Grundstudium ist der Stoff noch so klein, dass die Auswahl mehr Zeit kostet als das Lernen. Wer allein lernt, findet die passende Reihenfolge im Beitrag zum Jura-Selbststudium.

Was bleibt, ist eine schlichte Arbeitsregel: Den größten Nutzen hat die 80-20-Regel beim Lernen dort, wo sie deinen Aufwand umverteilt, und keinen dort, wo sie Stoff ersetzen soll. Wenn du das eine Thema, bei dem du gerade stockst, sofort auf beiden Tiefen durcharbeiten willst, ist der komplette BGB AT auf jurahilfe.de dauerhaft kostenlos, mit Skripten, Karteikarten und Abschlusstest, ohne Zeitlimit.

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Häufig gestellte Fragen

Frieder Hammer

Über den Autor

Frieder Hammer

Repetitor, Fachautor und Gründer von Jurahilfe.de

Volljurist, Prädikatsexamen (Schwerpunkt Steuerrecht)

Hat 11 Fachbücher für die juristische Ausbildung geschrieben und ist seit 2017 als Repetitor tätig. Er hat über 400 Jurastudenten im Einzelunterricht erfolgreich auf ihre Prüfungen vorbereitet. Seine juristische und didaktische Expertise ist die DNA der Lernplattform Jurahilfe.de.

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  • Öffentliches Recht
  • Jurastudium
  • Examensvorbereitung
  • juristische Didaktik
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